Die Wintergerstenerträge schwanken in diesem Jahr zwischen 30 und über 130 dt/ha. 130 dt/ha bedeutet: Die Wintergerste fand in der abgelaufenen Vegetation nahezu ideale Voraussetzungen:
- Die Niederschläge Ende August und im September fielen verbreitet als „Landregen“ und füllten die ausgetrockneten Böden z.T. wieder auf. Bis zur Gerstenbestellung trockneten sie so weit ab, dass eine nahezu optimale tiefe Bodenbearbeitung und eine ideale Bestellung möglich waren, wenn man sich mit der Bearbeitung Zeit ließ. In einigen Fällen erfolgte die tiefe Bearbeitung zu früh im noch zu feuchten Boden.
- Die Gerste lief danach fast überall zügig und gleichmäßig auf. Ab der 2. Oktober-Dekade bis zur 3. November-Dekade war es überwiegend trocken.
- Die Temperaturen fielen im September stark ab, um sich im Oktober bis Mitte November auf einer Bandbreite zwischen 8 und 15 °C zu etablieren. Ab Mitte November kam die Vegetation in fast ganz Deutschland zum Stillstand. Teilweise herrschte Dauerfrost, bis sich das Weihnachtstauwetter durchsetzte. Frostschäden traten infolge der Schneelage nicht ein.
- Die milden Temperaturen hielten bis Mitte Januar an. Danach herrschte außer im Rheinland Vegetationsruhe bis Mitte Februar. Bis in den April hinein traten immer wieder Nachtfröste auf. Tagsüber stiegen die Temperaturen nur langsam auf Werte um 8 bis 16 °C mit geringen Unterschieden zwischen den Anbaugebieten.
- Insgesamt fielen von Dezember bis Februar nördlich der A4 mehr Niederschläge als normal, im Süden und vor allem im Südwesten deutlich weniger. Mit Ausnahme des Nordwestens konnten die Böden auch im Norden die Niederschläge gut aufnehmen, so dass die Drainagen kaum liefen. Im Nordosten und in den Bördenlagen Mitteldeutschlands im Großraum zwischen A2 und A4, B4 und Elbe reichten die Niederschläge aber nicht aus, um die guten Böden unterhalb von 60 cm aufzufüllen. Im März und April fiel dann mehr Regen als normal, trotzdem waren die Böden nie wassergesättigt.
- Die Trockenheit im Mai wirkte sich auf Böden mit mehr als 150 mm nFK kaum nachteilig aus. Ab Ende Mai begannen Gerstenbestände auf den schwachen Böden zu zeichnen und reiften innerhalb weniger Tage ab.
- Die erst Ende Juni einsetzende Hitze wirkte sich auf die Gerste nicht mehr ertragsmindernd aus.
Wie wirkte sich das Wetter auf die Ertragsbildung der Wintergerste aus?
Die Gerste profitierte im Herbst durch die verhaltenen Temperaturen, konnte gute Wurzeln bilden und bestocken, d.h. stabile Nebentriebe 1. Ordnung bilden. Die Gerste wurde dank der über lange Zeit herrschenden Temperaturen zwischen 0 und 10 °C so gut vernalisiert, dass sie zügig in die generative Phase hineinwachsen konnte. Die Haupttriebe der Mehrzahl der Gerstenbestände erreichten Anfang Januar, die kräftigen Seitentriebe bis Mitte Februar das Doppelringstadium.
Der kühle März ermöglichte der Wintergerste eine lange Ährchendifferenzierung auch in den Nebentrieben, dadurch waren die Voraussetzungen für eine hohe Kornzahl je Ähre gegeben. Der Übergang in das Schossen setzte verhalten ein, so dass die Gerste auch ausreichend hohe, eher zu hohe Bestandesdichten erreichte.
In den Hauttrieben wurden 28 Spindelstufen, in den älteren Seitentrieben 24 Spindelstufen gezählt, 4 mehr als in den Vorjahren. Bei 3 Körnern je Spindelstufe ergeben sich im Schnitt 74 Kornanlage (Karyopsen) pro Ähre. Bei 600 Ähren je m² sind das 44.400 Karyopsen je m².
Spätfröste im Mai, die Schartigkeit in der Ähre verursachen und die Korndichte dezimieren können, blieben aus. Die Gerste kam also mit einem Übermaß an Kornanlagen in die Maitrockenheit.
Wenn man von einem mittleren TKG von nur 45 g ausgeht, stand in diesem Beispiel ein Ertragspotential von 175 dt/ha im Feld.
Warum wurde dieses Ertragspotential nicht erreicht?
Einen Hinweis gibt die Ertragsstruktur. Zum Verständnis:
Der Ertrag der Wintergerste setzt sich zusammen aus der Ährenzahl (Anzahl der Pflanzen je m² x Ähren je Pflanze), der Kornzahl je Ähre und dem TKG. Allerdings gibt es gegenüber dem Weizen einen gravierenden Unterschied: Der Weizen bildet 20 bis 24 Spindelstufen, auf denen jeweils 1 Ährchen mit mehreren Blüten sitzt, also maximal 24 Ährchen mit wenigstens 2 Körnern in den äußeren Blüten und zusätzlichen Körnern, wenn die mittleren Blüten bekörnt werden. Das TKG der Außenkörner ist immer deutlich höher als das TKG der Innenkörner. Damit kann der Weizen über die Kornzahl je Ähre und vor allem auch über die Bekörnung der Ährchen geringe Ährenzahlen auch nach dem Schossen kompensieren.
Die Wintergerste bildet zwischen 24 und 32 Spindelstufen. Bei mehrzeiligen Sorten sitzen auf jeder Spindelstufe immer 3 fertile Blüten, die jeweils direkt mit dem Leitbahnsystem verbunden sind. Die Blüten bilden immer ein Korn, also 3 Körner je Spindelstufe.
Bei den zweizeiligen Gersten bleiben die äußeren Blüten einer Spindelstufe steril. Da diese links und rechts von der Spindel abstehen, ist die Ähre zweizeilig.
Im Gegensatz zum Weizen kann die Gerste zu geringe Ährenzahlen nach dem Schossen nicht mehr kompensieren.
Das TKG nimmt in Abhängigkeit vom Zeitpunkt der Befruchtung von der Basis ausgehend zur Spitze hin ab. Für das TKG entscheidend ist die Zahl der Speicherzellen und wie gut diese Speicherzellen vollgepackt werden. Ab der Befruchtung wird der Keimling gebildet. Daran schließt sich die Ausdifferenzierung des Endosperms (der Speicherzellen) und die Kornfüllung an. Je mehr Speicherzellen gebildet werden, umso höher ist das Speichervermögen des Korns. Die Kornfüllung hängt von den zur Verfügung stehenden Assimilaten und der Intensität der Einlagerung ab.
Die ältesten Körner haben mehr Zeit für die Endospermbildung und für die Einlagerung von Assimilaten, sie bilden deshalb größere und schwerere Körner. Die nächstälteren Körner (10 %) bilden weniger Speicherzellen und deshalb ein schmaleres Korn und lagern auch weniger Assimilate ein.
Die späten Karyopsen können noch einen Keimling bilden, differenzieren aber keine oder nur wenige Speicherzellen aus. Die letzten Karyopsen werden vielleicht noch befruchtet, bilden aber kein Endosperm mehr aus. In der Regel stirbt der Keimling ab.
In Derenburg wurden im Gerstenversuch noch 108 dt/ha mit 600 Ähren je m² und einem TKG von 50 (!) g geerntet, bei einer Korndichte von 21.600 Körner je m² und 36 Körner je Ähre.
In Friedrichsthal (Ostholstein) ermöglichte die hohe nutzbare Feldkapazität bzw. der Wasservorrat im Boden, die Körner im oberen Mittelbereich der Gerstenähren besser auszubilden. Dadurch konnte dort ein Ertragsniveau von 135 dt/ha erreicht werden. Auf der Tonkuppe fiel der Ertrag aufgrund der geringeren Ährenzahl und der ab der Ährenmitte nicht voll ausgebildeten Körner auf 90 dt/ha ab.

Der hauptsächliche Unterschied bestand in der besseren Ausbildung der Körner im oberen Mittelbereich der Ähren in Friedrichsthal, die zu einer höheren Anzahl geernteter Körner führte.
Bei vergleichbarer Bestandesdichte und optisch nahezu gleich aussehenden Ähren können doch durch die unterschiedliche Kornausbildung in den einzelnen Ährenabschnitten gravierende Ertragsunterschiede eintreten.
Im Fläming stand die Wintergerste mit 400 Ähren je m². Diese konnten nur die basalen Körner voll ausbilden. Die Körner im unteren Mittelbereich blieben kleiner. Dadurch konnten 56 dt/ha bei einem deutlich geringeren TKG geerntet werden.
Trotz knapper Wasserversorgung waren auf den besseren Standorten hohe Erträge der Wintergerste möglich, da die Hitze erst sehr spät kam. Allerdings lag der Anteil der Marktware vielfach unter der Norm.
Ertragsmindernd wirkten sich aus:
- zu frühe tiefe Bodenbearbeitung nach den Niederschlägen Anfang September,
- ungenügende Rückverfestigung nach tiefer Bearbeitung,

- zeitweise wassergesättigte Böden im (Nord-) Westen, Mittelgebirgslagen und Teilen Baden- Württembergs, die zum Abbau von Feinwurzeln führten,
- ausbleibende Niederschläge im Osten, die vor allem auf sandigen Böden die Bestände vorzeitig abreifen ließen,
- zu üppige Bestände mit vielen Kornanlagen bei knapper Wasserversorgung. Oft wurde die Frühjahrsdüngung aus Angst vor Trockenheit zu hoch angesetzt bzw. die Anschlussdüngung zu früh, d.h. vor dem Schossen gegeben.
- Der Befall mit Rhynchosporium wirkte sich in anfälligen Sorten ertragsmindernd aus, wenn nicht rechtzeitig gespritzt wurde. Insgesamt war die Krankheitsbelastung in der Wintergerste gering mit Ausnahme von Mehltau und Rhynchosporium in anfälligen Sorten. Der Zwergrost kam ab Mitte Juni zu spät, um noch gravierenden Schaden anzurichten. Ähnliches war auch bei Ramularia, inbesondere im Norden, zu beobachten.
Wintergerste – Schwerpunkte Produktionstechnik
- Wintergerste reagiert empfindlich auf Verdichtungen im Krumenbereich
- Wintergerstenpflanzen mit 3 bis 4 Ähren können sich auf Witterungsschwankungen am besten einstellen. Triebe mit wenigstens 3 – 4 Blättern vor Winter können ertragsstabile Ähren bilden.
- Dazu muss die Wintergerste zwischen 45 und 55 Tage im Herbst nach dem Feldaufgang wachsen können. Durch ein späteres Vegetationsende verschiebt sich auch der Saattermin.
- Je höher die Konkurrenz zwischen den Wurzeln, je geringer der Abstand zwischen den Einzelpflanzen, umso schwächer ist der Haupttrieb und umso labiler sind die Seitentriebe. Saatstärke dem Standort und Saattermin anpassen
- Bei zu weitem Pflanzenabstand (über 5 cm) werden Nebentriebe 2. Ordnung gebildet, die kein eigenes Kronenwurzelsystem bilden und somit „Mitesser“ für die Nebentriebe 1. Ordnung darstellen.
- Die Wintergerste darf ab dem 4-Blattstadium nicht unter Nährstoffmangel leiden. Das gilt nicht nur für Stickstoff, sondern für alle Nährstoffe.
- Zweizeilige Sorten eignen sich vor allem für Standorte mit unsicherer Kornausbildung.
Welche Sorten schnitten 2023 überdurchschnittlich gut ab?
- Esprit ist nach wie vor der Maßstab, nicht zuletzt wegen der geringeren Ramularia-Anfälligkeit. Sie schnitt aufgrund der späteren Entwicklung auf Standorten mit Trockenstress schlechter ab.
- Vor allem auf den Trockenstandorten konnte Julia aufgrund des frühen Ährenschiebens punkten, wenn der Bestand nicht zu dicht war. Insgesamt erwies sich Julia als recht ertragsstabil. Resistent gegen GMV Typ 1 + 2.
- Avantasia schnitt im Westen ähnlich gut wie Julia ab. Resistenz gegen GMV Typ 1 + 2
- Teuto lag auf den trockeneren Standorten im Osten im Vorderfeld.
- Resistent gegen das durch Blattläuse übertragene Gelbverzwergungsvirus der Gerste sind KWS Exquis, Sensation und SU Virtuosa. KWS Exquis und SU Virtuosa erreichen knapp mittlere Erträge.
- Im zweizeiligen Sortiment: Goldmarie, Almut, SU Laubella






