Unbefriedigende Bestände – was steckt dahinter?
Einige Rapsbestände, v.a. Richtung Osten zeigen in diesem Jahr kein zufriedenstellendes Bild. Bei der Betrachtung einzelner Pflanzen fällt auf, dass die Anzahl der Schoten – insbesondere am Haupttrieb – deutlich geringer ausfällt als normal. Häufig sind es < 150 Schoten je Pflanze und weniger als 40 Schoten je Haupttrieb; dazu kommen zahlreiche Fehlstellen und Abschnitte ohne Schoten.
Als erste Erklärung wird häufig der Spätfrost in der Blütezeit genannt – und tatsächlich kann dieser Schäden mit diesem Erscheinungsbild verursachen. Doch eine gründliche Analyse der Pflanzen zeigt: In vielen Fällen ist Frost nicht die alleinige Ursache.
Aufschneiden lohnt sich – was im Stängel steckt
Wer den Rapsstängel der Länge nach von unten nach oben aufschneidet, findet in vielen Beständen braune Fraßgänge sowie – je nach Zeitpunkt der Bonitur – noch aktive Larven im Stängelmark. Die meisten dieser Larven besitzen eine braune Kopfkapsel und sind dem Kohltriebrüssler oder Stängelrüssler zuzuordnen.
Vereinzelt lassen sich auch Larven mit schwarzer Kopfkapsel finden – diese stammen vom Erdfloh und treten so spät deutlich seltener auf, weil sie sich i.d.R. bereits im Boden verpuppen.
Besonders auffällig ist ein weiteres Schadensbild: Seitentriebe verkümmern bereits bei einer Länge von 5 bis 10 cm. Untersucht man den Ansatz dieser Triebe genau, findet sich dort regelmäßig ein Fraßloch einer Kohltriebrüssler-Larve. Es scheint, als ob die Larve mit einem einzigen Fraßgang das Versorgungsgewebe des Triebes vollständigunterbricht.
Befallsmuster im Stängel: Was verrät die Position der Fraßgänge?
Der Raps streckt seinen Stängel wie einen Zylinder, der von innen heraus nach oben geschoben wird. Das bedeutet: Das zuerst gestreckte Gewebe liegt am unteren Ende des Stängels, das zuletzt gebildete Gewebe befindet sich ganz oben. Dieses Wachstumsprinzip ermöglicht eine zeitliche Zuordnung des Befalls anhand der Position der Fraßgänge im Stängel.
Rüssler legen ihre Eier bevorzugt in jungem, weichem Gewebe ab. Käfer, die früh zufliegen – wenn der Raps gerade beginnt, sich zu strecken – legen ihre Eier im unteren Stängelbereich ab. Später zugeflogene Käfer finden im oberen Stängelbereich geeignetere Eiablagestellen.
Befallsinterpretation im Stängelbereich
- Unteres Drittel braun durch Fraßschäden: Früher Zuflug – Ende Februar bis Anfang März
- Mittleres Drittel braun durch Fraßschäden: Zuflug Mitte März
- Oberes Drittel braun durch Fraßschäden: Zuflug Ende März bis Anfang April
- Oberste Seitentriebe innen am Stängelansatz braun: Sehr später Zuflug bis in die Blüte hinein
Stängelbonitur jetzt durchführen
Jetzt lässt sich zwar nichts mehr gegen den Befall tun – aber die Stängelbonitur lohnt sich trotzdem. Denn sie zeigt uns, was wirklich passiert ist und wo wir nächstes Jahr ansetzen müssen.
Während gegen Spätfröste kaum direkte Gegenmaßnahmen möglich sind, bestehen gegen Schädlinge wie den Kohltriebrüssler konkrete Handlungsoptionen – vorausgesetzt, der Zuflug wird rechtzeitig erkannt und die Behandlung zum richtigen Zeitpunkt durchgeführt.
Eigene Beobachtungen über die Jahre sowie aus Osteuropa – wo die Situation deutlich gravierender ist als aktuell in Deutschland – zeigen dass der Befallsdruck von Jahr zu Jahr steigt. Ein zunächst überschaubares Problem kann sich so schnell zu einem ernsthaften wirtschaftlichen Risiko entwickeln.
Was bringt die Bonitur konkret?
Eine Stängelbonitur jetzt liefert drei wertvolle Aussagen:
- Mit welchem Befallsdruck müssen wir nächstes Jahr rechnen?
- Wie stark ist der Befall in der Region und im Betrieb?
- Haben die Insektizidmaßnahmen gewirkt? – Und wenn nicht: Wurden Termine verpasst?




