Im Ausfallgetreide und in Zwischenfrüchten mit Rauhafereinsaat bzw. Getreidedurchwuchs sind die ersten Anzeichen für Verzwergungsvirosen zu finden: Einzelpflanzen, die von der Spitze her zu vergilben beginnen oder sich rot verfärben, später gestaucht wirken und übermäßig stark bestocken. Die Blätter fühlen sich zwischen den Fingern wie ein Gummibaumblatt (= turgeszent) an. Infolge des Virusbefalls sind der Wassertransport und die Wasserabgabe gestört. Dadurch staut sich das Wasser in den Blättern.
Verzwergungsvirosen werden durch Insekten als Vektoren übertragen: das Gersten-Gelbverzwergungs-Virus (BYDV) vorwiegend durch die Haferblattlaus und die Große Getreideblattlaus, das Weizen-Verzwergungs-Virus (WDV) durch die Zwergzikade (Psammotettix alienus). An Art und Weise des Auftretens der Symptome im Feld lässt sich unterscheiden, welcher Überträger in Betracht kommt:
Das Blattlaus-Virus (Gerstenverzwergungsvirus) beginnt an Einzelpflanzen, die sich später zu Befallsnestern wie (kreis-) runde Elefantentritte ausweiten. Bei starkem Befall sieht das Feld aus, als wäre eine Elefantenherde („Elefantentritt“) durchgelaufen.
Beim Zikaden-Virus (Weizenverzwergungsvirus) beginnt der Befall oft ausgehend von der Fahrgasse, befallene Pflanzen stehen entlang einer Drillreihe und wechseln dann in eine andere Reihe („Rösselsprung“). Dichte Bestände werden weniger stark befallen als locker stehende Pflanzen.
Der Befall mit Verzwergungsvirosen bleibt nicht allein auf Gerste und Weizen beschränkt. Auch Roggen, Triticale oder auch Grassamen-Vermehrungen werden damit befallen und geschädigt. Als Zwischenwirte gelten auch andere Gräser wie Quecken, Rispenarten, Trespen oder Weidelgras und andere.
Aktuelle Situation
Aktuell halten sich die Symptome im Ausfallgetreide noch in Grenzen. Bis Ende September dürfte sich das ändern. Ob sich später der Befall mit Verzwergungsvirosen in den Wintergetreidebeständen zu einer Kalamität aufschaukeln wird, hängt zum einen von der Zahl der Vektoren ab, zum anderen davon, wie stark die Beladung der Vektoren mit Virosen sein wird: Kontrolliert man das Ausfallgetreide, sind dort regional unterschiedlich von fast keine Blattlaus bis Blattläuse an jeder 5. Pflanze zu finden. Auch der Mais ist aktuell unterschiedlich stark mit Blattläusen befallen. Aufgrund der Feuchtigkeit ist aber mit einer hohen spätsommerlichen Vermehrung zu rechnen.
Wie viele Blattläuse das BYDV in sich tragen, lässt sich nur schwer abschätzen. Aufgrund der eher geringen Virusbelastung im Frühjahr dürfte aktuell die Virusbeladung der Blattläuse im Bereich des Grundrauschens, also unter 2 % liegen. Um einen Virus-Befall von 10 % im Getreide hervorzurufen, ist demnach bis zum 4-Blattstadium bei 200 Keimpflanzen je m² ein Besatz von 1000 Blattläusen je m² erforderlich.
Anders verhält es sich, wenn Blattläuse im Frühherbst im Ausfallgetreide oder in mit Getreide durchsetzter Zwischenfrucht sich mit dem Virus aufladen können. Insbesondere bei erkennbarem Befall im Ausfallgetreide oder in der Zwischenfrucht, wenn spätsommerliche Temperaturen im September und ein „Goldenen Oktober“ herrschen: Nicht mit Virus beladene Blattläuse suchen nach Untersuchungen von Prof. Carmen Büttner (Humboldt-Universität Berlin) bevorzugt mit Virus belastete Pflanzen auf, während virus-beladene Blattläuse gesunde Pflanzen lieber mögen. Das erklärt, warum die Virus-Beladung der Blattläuse in einem milden Herbst exponentiell zunimmt. Wenn 50 % der Blattläuse mit dem Virus belastet sind, reichen bereits 20 Blattläuse pro m², um eine gravierenden Virusbefall hervorzurufen.
Die Regenphase im Sommer hat die Zikaden-Population anscheinend dezimiert. Aktuell springen beim Gang über den Acker nur wenige Zikaden vor den Füßen weg. Vermehrtes Auftreten der Zikaden ist trotzdem in der Nähe von Wiesen, Streuobstanlagen, Windschutzstreifen oder Einzäunungen von Hallen oder Windrädern festzustellen. In Proben aus Süd-Brandenburg, entlang der Saale und aus dem Maintal (Unterfranken) und Itzgrund (Oberfranken) wurde das Weizenverzwergungsvirus nachgewiesen.
Wie vorgehen?
- Kontrolle des benachbarten Ausfallgetreides, von Zwischenfrüchten mit Getreidedurchwuchs, Grasland und Böschungen auf Pflanzen mit Blattlaus- und Virusbefall.
- Kontrolle benachbarter Maisbestände auf Blattlausbefall, verstärkter Zuflug ist zu erwarten, wenn der Mais gehäckselt oder gedroschen wird.
- Regelmäßige Kontrolle des aufgelaufenen Getreides auf Befall mit Blattläusen. Blattläuse lassen sich am einfachsten erkennen, wenn man durch die Blätter gegen die Sonne schaut. Dann heben sich die Blattläuse als dunkle Punkte ab.
- Bekämpfung der Blattläuse mit Pyrethroiden (4 Tage Wirkungsdauer), wenn im September mehr als jede 10. Pflanze mit Blattläusen besiedelt ist, ab Anfang Oktober jede 20. Pflanze. Bei anhaltendem Zuflug kann ab dem 4-Blattstadium das systemisch wirkende Flonicamid (Teppeki) mit längerer Wirkungsdauer gespritzt werden.
- Auf Zikaden muss verstärkt innerhalb der ersten 200 m entlang einer Infektionsquelle geachtet werden. Weiter weg wird das Befallsrisiko geringer. Zur Bekämpfung von Zikaden ist kein Insektizid zugelassen. Auch mit der Blattlausspritzung werden Zikaden nur unzureichend erfasst.
Was kann man sonst noch machen?
- Ausfallgetreide frühzeitig bekämpfen
- Keine Gräser, vor allem kein Hafer in Zwischenfrüchten
- Gewannbildung, um viele Nachbarn zu vermeiden
- Später säen, aber mit dem wärmeren Herbst treten auch Blattläuse und Zikaden später auf
- Lückige Bestände vermeiden
- Inzwischen gibt es gegen Verzwergungsvirus resistente Wintergerstensorten, die ohne Befall ein durchschnittliches Ertragsniveau erreichen, z.B. SU Virtuosa, KWS Exquis, Integral, Sensation.
Gerstenmosaikvirus (BYMV)
Gelbe Flecken im Schlag, die vielleicht Zimmergröße haben und in Bearbeitungsrichtung verlaufen, sind Hinweise auf einen Befall des Gelbmosaik-Virus. Der Verdacht auf Nässe- oder Strukturschäden und N-Schäden liegt zunächst nahe, zumal die Symptome dadurch verstärkt werden. Die Pflanzen in diesen Flecken bleiben aber auch später kleiner, mit kurzen Blättern und zeigen eine Notbestockung, wie sie auch beim Gelbverzwergungsvirus beobachtet wird.
Im Gegensatz zum Gelbverzwergungsvirus, bei dem untere Blätter, die nicht von Blattläusen angestochen wurden, grün bleiben können, beginnt die Vergilbung immer an den älteren Blättern. Hält man die aufhellenden Blätter gegen das Licht, so sind in den Blattadern helle Strichel zu erkennen. Die hellen Strichel werden auf absterbenden Blättern zu schwarzbraunen kleinen Flecken.
Die in Deutschland zugelassenen Wintergerstensorten sind mit Ausnahme der zweizeiligen Newton resistent gegen den BYMV-Typ 1. Nässe und Kälte haben das Auftreten des Gerstenmosaikvirus (BYMV-Typ 2) in der Wintergerste verstärkt.
Die Mosaik-Viren gelangen durch den Pilz Polymyxa graminis in die Wurzel. Dieser wird ausgehend von einem Befallsherd, z.B. am Schlepperrad anhaftende Erde, durch Bodenbearbeitung im Schlag verteilt. Die Fernübertragung erfolgt durch Staubpartikel mit dem Pilz.
Auf einer Reihe von Standorten trat auch der BYMV-Typ 2 bereits latent auf, ohne dass die gelben Flecken augenscheinlich wurden. Die Gerste ist in der Lage bei schnell ansteigenden Temperaturen den Virus „abzuschütteln“. Erst das nass-kalte Frühjahr ließ erkennen, dass Typ 2 doch stärker verbreitet ist. Auf Standorten, auf denen die Gerste sich in diesem Frühjahr schwer tat wieder durchzugrünen, sollten gegen beide Typen resistente Wintergerstensorten bevorzugt werden.
Gegen beide Virus-Typen ist eine Reihe von Sorten resistent, z.B. Avantasia, Julia, KWS Memphis, SU Ellen, SU Hetti, SU Midnight oder die zweizeiligen Sorten Aretha, Caribic oder Valerie.
Um einem häufigen Irrtum zu begegnen: Gegen das gelbmosaikvirusresistente Sorten werden genauso vom Gelbverzwergungsvirus, welches durch Blattläuse übertragen wird, befallen, wie nicht BaYMV-resistente Sorten. Gegen die Übertragung des Gelbverzwergungsvirus helfen nur resistente Sorten (z.B. Paradies, Sensation, KWS Exquis, Integral, LG Caiman), eine Beizung (aktuell nicht zulässig) oder die Spritzung mit Insektiziden gegen die Vektoren.






